Der Leuchtturm in uns: Wolfgang Borcherts Echo in stürmischen Zeiten
„Ich möchte Leuchtturm sein in Nacht und Wind – für Dorsch und Stint, für jedes Boot – und ich bin doch selbst ein Schiff in Not!“
Diese Zeilen Wolfgang Borcherts fangen etwas ein, das wir wohl alle kennen: den Wunsch, anderen Halt zu geben, während wir selbst nach Orientierung suchen. In wenigen Worten verdichtet der Nachkriegsdichter eine urmenschliche Erfahrung – die Sehnsucht, Stärke zu zeigen, obwohl wir uns innerlich verloren fühlen.
Dieses Zitat ist mir nicht bewusst über den Weg gelaufen. Ich habe es in einem Lied des von mir sehr geschätzten Liedermachers Reinhard Mey erstmals gehört. Und ich muss zugegen: Diese Zeilen, dieses Zitat hat sich mir sehr schnell sehr tief eingebrannt.
Zwischen Geben und Suchen
Wer kennt es nicht? Da sind die Kinder, die Rat ersuchen, die einen Wegweiser und Kompass brauchen. Da ist der Freund in der Krise, der Hilfe erwartet, und die Familie, die Unterstützung braucht und wünscht. Und wir möchten da sein, ein Fels in der Brandung, ein Licht im Dunkeln. Diese Sehnsucht entspringt dem Besten in uns: unserem Mitgefühl, unserer Verantwortung, unserem Wunsch nach Verbindung und Unterstützug.
Wolfgang Borchert wählt wohl bewusst das Bild des Leuchtturms – nicht des Retters oder Helfers. Sondern des stillen Wegweisers. Ein Leuchtturm urteilt nicht, er rettet nicht aktiv. Er leuchtet einfach, konstant und verlässlich. Diese Rolle erscheint uns erstrebenswert, fast erhaben.
Die Wahrheit dahinter
Dann aber folgt der Wendepunkt: „und ich bin doch selbst ein Schiff in Not!“
Diese Worte treffen ins Mark, weil sie unsere eigene Realität schonungslos benennen. Hinter der Fassade der Stärke kämpfen wir mit Zweifeln, Ängsten, eigenen Stürmen. Wir navigieren durch Unsicherheiten, während wir anderen den Weg weisen sollen.
Diese Ehrlichkeit macht Borcherts Zitat kraftvoll. Es räumt auf mit der Illusion, dass Helfer unverletzlich seien, dass Ratgeber keine Zweifel kennten. Es zeigt: Menschlichkeit bedeutet nicht Perfektion, sondern Authentizität.
Die Schönheit der Unvollkommenheit
Paradoxerweise liegt gerade in dieser Dualität unsere größte Stärke. Wer um die eigene Verletzlichkeit weiß, kann echte Verbindungen eingehen. Wer selbst gekämpft hat, versteht den Schmerz anderer tiefer. Der Leuchtturm, der manchmal schwankt, ist menschlicher als der, der niemals wankt.
Borcherts Zeilen erinnern uns: Wir müssen nicht perfekt sein, um anderen zu helfen. Wir müssen nicht alle Antworten haben, um Orientierung zu geben. Manchmal reicht es, einfach da zu sein – als Leuchtturm, der trotz des eigenen Sturms sein Licht nicht verlöschen lässt.
In einer Zeit, die oft nach klaren Antworten und starken Führern ruft, sind diese Botschaft und diese Gedanken vielleicht aktueller denn je. Vielleicht ist die wahre Stärke nicht die Abwesenheit von Schwäche, sondern der Mut, trotz der eigenen Nöte für andere da zu sein.











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